Es ist ein neuer Mann in mein Leben getreten – Mr. G. So haben wir ihn genannt. Pünktlich jeden Abend schickt Mr. G. eine SMS und verschwindet dann in meinem Mund. Mr. G. ist sehr teuer. Er ist so teuer, dass ich es selbst kaum glauben kann.
Ein Jahr mit Mr. G. kostet so viel wie ein Luxusauto der Oberklasse. Wenn ich zehn Jahre lang täglich eine Verabredung mit Mr. G. gehabt haben werde, dann kann Deutschland ein paar Kampfpanzer weniger kaufen.
Das erste Mal mit Mr. G.? Nun, ich war sehr misstrauisch. Man hatte mir Mr. G. in mein Zimmer gebracht und dann sollte ich ihn schlucken. Mr. G. ist in einem auffallend hässlich braunen Farbton gehalten. Ob er wohl auch so wirken würde wie seine Vorgänger (die Chemotherapie Litalir in Kapselform)? Die waren nämlich so lustig rosa-grün gewesen und hatten viel Erfolg bei und mit mir.
Nun ja, alle waren begeistert von Mr. G.. Besonders diese Herren, die da täglich in meinem Zimmer rumstanden und sich vor lauter Begeisterung über Mr. G. gar nicht mehr beruhigen konnten.
Es kam zunächst so, wie es kommen musste, aber nicht sollte. Mr. G. weigerte sich standhaft, in meinem Magen zu bleiben. Mehrmals habe ich ihn wieder nach draußen befördert. Und diese Herren, die da täglich in meinem Zimmer rumstanden, wollen es noch immer einfach nicht glauben, dass Mr. G. mir erhebliche Probleme bereitet. Nur manche von ihnen glauben mir das.
Neulich ist Mr. G. sogar aus meinem Portemonnaie auf die Straße gefallen – da habe ich ihn genommen und in die Mülltonne geworden. Das habe ich den Herren, die da täglich in meinem Zimmer rumstanden, aber nicht gesagt. Denn sie müssen auch nicht alles wissen.
Tja, heute Abend um halb zehn ist es wieder soweit. Dieser Stalker Mr. G. wird anrufen. Inzwischen sind wir zwei sogar im Ausland gewesen, denn ich habe mich an ihn trotz aller Probleme gewöhnt. Dank Mr. G. sind viele Dinge möglich. Bald wollen wir zwei nach Australien fahren, um die Koalabären und Kängurus zu besuchen. Und wir wollen im Great Barrier Reef tauchen gehen. Dann muss ich nur mit der Uhr hantieren, damit es auch Punkt halb zehn Uhr abends ist, wenn ich wieder eine Verabredung mit Mr. G. habe. Denn in Australien ticken die Uhren anders als in Deutschland.
Mr. G. tut zum Glück genau das, was er tun soll. Da bin ich ihm auch sehr dankbar für. Ich glaube, dass ist der Beginn einer lebenslangen Hassliebe.
Schneekaninchen (Augsburg)